Drei Geschäftsregeln, die Sie im digitalen Zeitalter vergessen sollten

28.03.2018 13:22

Drei Geschäftsregeln, die Sie im digitalen Zeitalter vergessen sollten

Managementexperte Andrew McAfee erläutert, dass schnelle, tiefgründige Veränderungen auf drei zentralen Ebenen stattfinden: auf Prozess-, Unternehmens- und Branchenebene. Außerdem stellt er neue Spielregeln vor, mit denen Unternehmen dem Wandel begegnen.

Mit der Digitalisierung kennt sich McAfee bestens aus. Als Wissenschaftler am Massachusetts Institute of Technology (MIT), erfolgreicher Autor und Managementexperte versteht er, wie digitale Technologien Unternehmen, die Wirtschaft und die Gesellschaft verändern, und kann auch die Zusammenhänge erklären. „Die Methode, mit der man in der Dampfmaschinenära eine Fabrik erfolgreich führen konnte, war bereits im Zeitalter der Elektrizität veraltet“, erklärt er. „Ebenso verhält es sich während und nach der Umstellung auf eine neue Technologie: Mit den Empfehlungen, denen man bisher gefolgt ist, ist man dann schlecht beraten“, ergänzt McAfee. Er beschreibt drei neue Spielregeln für Unternehmen im digitalen Zeitalter:

Auf Prozessebene: Von Menschen zu Maschinen

Beim traditionellen Prozessansatz, den McAfee als Erledigen von Aufgaben definiert, werden Maschinen für Routinetätigkeiten wie Buchhaltung und Buchführung eingesetzt, während Menschen ihr Wissen für Beurteilungen nutzen. Entsprechend sind Unternehmen in der Vergangenheit vorgegangen.

Laut McAfee ist bei Entscheidungen in den meisten Firmen jedoch häufig die Meinung der Mitarbeiter mit dem höchsten Gehalt (Highest-Paid Person’s Opinion, HiPPOs) ausschlaggebend. Diese beurteilen Situationen anhand ihres Bauchgefühls, ihrer Erfahrungen oder ihrer Ausbildung. Allerdings wird dieses Vorgehen von „Geeks“ – wie McAfee sie nennt – hinterfragt, also von Personen, die Informationen als Basis für ihre Entscheidungsfindung nutzen.

„Wenn ‚Geeks‘ vor einer schwierigen Entscheidung stehen, erheben sie Daten, analysieren diese bestmöglich und orientieren sich an den Fakten – auch wenn das Ergebnis nicht mit ihrem Bauchgefühl oder ihrer Erfahrung übereinstimmt“, führt McAfee aus.

„An dieser Stelle wird es nun interessant“, meint er. „In 136 Studien, in denen die Entscheidungsfindung von HiPPOs und Geeks verglichen wurde, konnten die HiPPOs dem Ansatz der Geeks in 48 Prozent aller Fälle nichts Nennenswertes hinzufügen. In 46 Prozent der Fälle schnitten die HiPPOs schlechter ab. Nur in acht Prozent der Fälle trafen sie eindeutig die bessere Wahl.

„Wir müssen also davon wegkommen, dass Entscheidungen maßgeblich auf der Meinung von HiPPOs beruhen“, schlussfolgert McAfee. Seiner Ansicht nach liegt die Zukunft in den Bereichen künstliche Intelligenz (KI) und maschinelles Lernen: „Wir haben jetzt ein neues Toolkit, mit dem wir riesige Datenmengen durchsuchen, Muster erkennen und in äußerst kniffligen Situationen fundierte, präzise Urteile fällen können.“

Er erklärt weiter, dass künstliche Intelligenz und Technologien für maschinelles Lernen heute bereits viel fortschrittlicher als erwartet sind und bereits für Entscheidungsprozesse genutzt werden können. Ein Beispiel: „Go ist ein 3.000 Jahre altes asiatisches Strategiespiel. Computer schlugen sich beim Go-Spielen lange Zeit miserabel. Bis zum vergangenen Jahr, als ein Computer zum weltbesten Go-Spieler gekürt wurde“, berichtet McAfee.

Experten analysierten die Partie des Computerprogramms AlphaGo eines Google-KI-Unternehmens und sahen sich den Spielzug 37 genauer an. Dieser ergab aus menschlicher Sicht keinen Sinn, sicherte der Maschine letztlich jedoch den Sieg. Was wir daraus lernen? AlphaGo spielt nicht nur besser, sondern auch anders als wir. McAfee ist zuversichtlich, dass „wir gemeinsam mit Maschinen in einigen sehr komplexen Bereichen vorankommen. Und wenn wir die geschäftlichen Spielregeln neu schreiben, sollten wir nicht vergessen, dass Maschinen bereits ein hervorragendes Urteilsvermögen besitzen.“

Auf Unternehmensebene: Von der Spezialisierung zum Kollektivwissen

„Über 25 Jahre lang haben wir Unternehmen erzählt, dass sie sich auf ihre speziellen Kompetenzen, Stärken und Fähigkeiten konzentrieren müssen, wenn sie ihre Ziele erreichen möchten“, so McAfee. „Die Idee der Spezialisierung ist: Ein paar kleine Unterschiede, die Ihre Firma von Wettbewerbern abheben und Mehrwert für Kunden schaffen, sorgen dafür, dass Sie auf Ihren Märkten erfolgreich sind.“

Heute ist es laut McAfee jedoch so, dass Millionen von Erwachsenen im Internet miteinander verbunden sind und man Erstaunliches zustande bringen kann, wenn man deren Wissen nutzt. Dafür führt er ein Beispiel an: Karim Lakhani, Experte der Havard Business School für Crowd Sourcing und Innovation, arbeitete mit dem National Institute of Health (NIH) und der Harvard Medical School zusammen, um ein Verfahren zur Genomsequenzierung der weißen Blutkörperchen beim Menschen zu entwickeln und dieses zu verbessern. Im Rahmen der Kooperation erzielten sie gute Ergebnisse.

Als Lakhani jedoch zu einem Online-Wettbewerb aufrief, bei dem Crowdworker ein Algorithmus-Problem lösen sollten, waren die Resultate in puncto Präzision und Schnelligkeit beeindruckend. Verglichen mit den Ergebnissen des NIH und der Harvard Medical School ergibt sich laut McAfee bei den Spitzenwerten „eine Verbesserung um drei Größenordnungen bei der Verkürzung des Lösungswegs, ohne dabei an Genauigkeit zu verlieren“.

„Es gibt bereits Unternehmen, die sich nicht auf die Weiterentwicklung ihrer Kernkompetenzen konzentrieren, sondern von Anfang an auf kollektives Wissen setzen“, bemerkt McAfee. „Wir werden sehen, wie das funktioniert. Wenn wir jedoch die geschäftlichen Spielregeln neu schreiben, sollten wir die Schwarmintelligenz nicht vernachlässigen”, fügt er hinzu.

Auf Branchenebene: Von der Branche zur Plattform

„Ich bin mit dem Verständnis von McKinsey aufgewachsen, dass man seine Branche in- und auswendig kennen muss. In den vergangenen 30 Jahren war es gängige Praxis, die geeigneten Geschäftsmodelle anhand der Branchenstruktur zu bestimmen“, so McAfee.

Mit Bezug auf drei sehr unterschiedliche Branchen argumentiert McAfee, dass bei bahnbrechenden Innovationen die Plattform über Erfolg oder Misserfolg entscheidet. In der Smartphone-Branche setzte Apple einen Meilenstein, als es den ersten App Store als Plattform für externe Entwickler eröffnete. Für den Nahverkehr veränderte Uber alles. Und jetzt wird das Gruppenfitnesskonzept mit ClassPass revolutioniert. Diese Plattform ermöglicht Menschen mit dem Abschluss eines Abonnements bei ClassPass – und nicht beim Studio selbst – die Teilnahme an Fitnesskursen.

„ClassPass wirbt damit, dass sich Teilnehmer statt im Fitnessstudio bei dem Unternehmen selbst anmelden, Zugang zu einer Vielzahl von Studios zu erhalten und die von ihnen gewünschten Kurse besuchen können. Den Fitnessstudios bieten sie an, leere Kurse und Trainingsflächen zu füllen. Sie erhalten dann zwar nicht den vollen Preis, aber zumindest einen Teil des Umsatzes“, beschreibt McAfee das Konzept.

Wie Apple und Uber bringt auch die ClassPass-Plattform Produkte, Services, Verkäufer und Verbraucher zusammen. Wenn Plattformen funktionieren, gibt es McAfee zufolge viele Vorteile: Denn Netzwerkeffekte steigern die Nachfrage. Unternehmen können diese Spielregeln kontrollieren. Mit einer offenen Plattform ist es möglich, kollektives Wissen für Innovationen zu nutzen und zusätzliche Informationen zur besseren Preisgestaltung und zur Anpassung von Services zu erhalten.