Gletschereis-Bier trotz Reinheitsgebot – geht das?

07.06.2017 10:53

Gletschereis-Bier trotz Reinheitsgebot – geht das?

Habt ihr schon mal was von den Hopfensorten mit den außergewöhnlichen Namen Mandarina Bavaria, Hüll Melon oder Hallertauer Blanc gehört? 🤔 Unsere Kollegin hat sich mal schlau gemacht und klärt euch auf.

Gletschereis-Bier trotz Reinheitsgebot – geht das?

 

Bier ist nicht gleich Bier – so viel steht fest.


Aber dass man bei der kühlen Erfrischung auch Grapefruit, Zitronengras, Cassis, Holunderblüte, Anis, Geranie, Pfirsicheistee oder Ananas herausschmecken kann ist dann doch etwas ungewöhnlich.
Und ihr denkt jetzt vielleicht, ach was, kein Problem – ein Schuss Sirup und schon hat man den Geschmack. Keineswegs, weit gefehlt. Da war ja noch das gute alte Reinheitsgebot, nach dem deutsches Bier gebraut wird. Erst letztes Jahr im April feierte es 500-jähriges Bestehen. Aber was besagt es eigentlich genau?

Das Reinheitsgebot schreibt in seiner ursprünglichen Form vor, dass ausschließlich Hopfen, Gerste und Wasser zum Bierbrauen verwendet werden dürfen. Im Laufe der Zeit wurde es leicht abgewandelt und so sind mittlerweile Hopfen, Malz, Wasser und Hefe als Inhaltsstoffe erlaubt. Und jetzt kommen wir zum Knackpunkt: Sirup oder andere Geschmacksträger dürfen also gar nicht in unser Feierabendbierchen.

Wie kommen dann aber trotzdem die ungewöhnlichen, zum Teil exotischen Geschmacksnuancen in unser Bier?
Hier haben sich gewiefte Hopfenzüchter im Herzen der Hallertau etwas ganz Spezielles einfallen lassen: neue Hopfensorten mit ausgefallenen Geschmacksrichtungen. Denn Hopfen darf ja – laut unserem Reinheitsgebot – Bestandteil des Biers sein.

Anton Lutz und sein Team aus dem Hopfenforschungszentrum in Hüll begannen 2006 mit den ersten Kreuzungen für die neuen, exotischen Sorten. Ziel war es, die fruchtigen, zitrusartigen Nuancen der nordamerikanischen Hopfensorten mit klassischen Hopfensorten zu sogenannten „Special Flavour-Sorten“ zu vereinen. Nach einer Rekordzeit von nur vier bis sechs Jahren wurden die ersten Hopfensorten mit so wohlklingenden Namen wie Mandarina Bavaria, Hüll Melon, Hallertauer Blanc oder Polaris auf den Markt gebracht. Diese verleihen dem Doldensud dann den außergewöhnlichen Geschmack.

Der Hallertauer Blanc besticht durch seine fruchtig-blumige Note, die ergänzt wird durch Nuancen von Grapefruit, Trauben, Zitronengras, Cassis und Holunderblüte. Und wer den „Gletschereisbonbons“ verfallen ist, ist mit der Sorte Polaris an der richtigen Adresse, denn genau daran erinnert diese Züchtung.

Also ja, es geht: Bier kann trotz des Reinheitsgebots sogar nach Gletschereis-Bonbons schmecken.

Später kamen dann auch weitere ausgefallene Sorten wie beispielsweise Callista und Ariana hinzu. Neben dem hopfigen Grundton lassen sich hier auch Maracuja-, Aprikosen- und Waldbeer- bzw. Johannisbeer- und Zitrusnoten erkennen.

Aber nicht nur auf geschmacklicher Ebene gab es eine Weiterentwicklung. Auch im Bereich der Krankheitsresistenz können die neuen Züchtungen brillieren. Dadurch wird auch eine umweltbewusste Hopfenproduktion gesichert. Deutschlandweit werden derzeit auf knapp 700 Hektar die verschiedenen Flavour-Sorten angebaut.

Auch künftig wird in Zusammenarbeit mit der Universität Hohenheim und dem Max-Planck-Institut in Tübingen an den Grundlagen für neuen Hopfensorten gefeilt. Wir dürfen also gespannt sein!
Abschließend noch ein herzliches Dankeschön an Dr. Elisabeth Seigner vom Hopfenforschungszentrum Hüll, die hier als Expertin Rede und Antwort stand.

Probiert doch auch mal ein Bier mit den neuen Flavour-Sorten aus und verwöhnt eure Geschmacksnerven!